Der Grübler


Viktor Pelewin: die Dialektik der Übergangsperiode vom Nirgendwoher nach Nirgendwohin
September 24, 2007, 10:58 am
Filed under: moderne russische Literatur, Postmoderne, Rezensionen

 

Ob man ihn mag oder nicht – Viktor Pelewins Romane tragen eine eindeutig erkennbare Handschrift, in welcher man eine moderne russische Literatur erkennen könnte: Die stete Praesenz mafiöser Wirtschaftsstrukturen, der Einbau von Slangworten, Anglizismen und Anleihen der Pop-Kultur prägen seine Bücher ebenso wie die vielen Geistessprünge ins Obszöne, ohne dass dabei der Hintergrund philosophischer Gespräche und ungelöster Fragen verschwindet.

Pelewins Markenzeichen in diesem Zirkus moderner russischer Literatur ist das Mystische, der Drang nach Fernost, ein Suchen nach dem Sinn hinter allem in Mythologie und chinesischer Philosophie.

Kein Wunder also, dass das Leben des Protagonisten Stepan auf einem reichlich mythologischen Acker erblüht: Stapens Glaube lautet schlicht und einfach 34. Diese Zahl ist sein Gott, ihr Gegenstück, die 43, der Satan. Dass dieser willkürliche Glaubenssatz den Neurussen ebensogut durch das Leben und die Finanzwelt führt wie Religion, Philosophie oder Wirtschaftswissenschaft klingt absurd, verdeutlicht aber gerade deswegen die „Dialektik der Übergangsperiode von Nirgendwo nach Nirgendwohin” – es gibt in diesem Welt oder Wirtschaft genannten Chaos keine rationale Hilfsstellung, welche einem mit irgendeiner Erfolgsgarantie sagen könnte, was zu tun ist. Doch Stepan fährt gut mit dieser Schiene, seine Bank floriert. Pelewin erzählt sein Geschäftsleben, von seiner Liebe, und vor allem von all den kleinen täglichen Praktiken, welche die Anbetung der 34 von Stepan verlangt. Richtig los geht der Roman erst dann, als Stepan seinen Gegenspieler findet, ein Banker, der sich der 43 verschrieben hat…

Nun, es gibt in diesem Buch genügend Schweinereien und absurde Szenarien, welche einem aber nach etwa dem Sorokinschen Dreckshaufen „Der himmelsblaue Speck” kaum mehr aufstoßen können, auch wenn Pelewin sich nicht zu fein ist, schwule Szenen zu beschreiben – darum scheint die aktuelle russische Literatur merkwürdigerweise nur dann herumzukommen, wenn sie wie Akunin oder Lukianenki nicht mehr als unterhaltend sein möchte. Tiefsinn und Obszönität scheinen Hand in Hand zu gehen…

So spannend und unterhaltend, an manchen Stellen absurd und an anderen wiederum tiefsinnig die Geschichte um Stepan auch sein mag: Pelewin ist ein fantasievoller Autor mit einer Botschaft, doch leider ist er kein Erzähler dichtgestrickter Persönlichkeiten, wie in seinen meisten Werken gelingt es ihm nicht, die Distanz zwischen Leser und Akteur so weitgehend aufzuheben, wie es große Literatur nun einmal machen sollte.

 

Zum weiteren Teil der „Dialektik” bleibt nur zu sagen: „Die mazedonische Kritik der französischen Philosophie” ist der beachtliche Versuch, den unheimlichen Storyaufbau eines H.P. Lovecrafts, also dessen Weise, vom Horror zu erzählen, in die kapitalistische Gegenwart globaler Finanzströme zu transformieren; von einem Meisterwerk wie bei Lovecraft zu sprechen bringe aber auch ich als Liebhaber russischer Literatur nicht übers Herz.

 

Und den Rest des Buches, die folgenden Dinger, die man höchstens als „Texte” bezeichnen kann…klar, ich meckere nicht, dass sie angehängt wurden, aber man hätte es auch lassen können, und ich würde nichts vermissen. Ärgerlich ist allerhöchstens der wirklich billige, und mit Sicherheit erst hinterher gemachte Versuch, sie in die Story um Stepan irgendwie einzubinden bzw. eine müde Anknüpfung zu versuchen…


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