Der Grübler


Tom Schimmeck – Am besten nichts Neues
August 17, 2010, 6:25 pm
Filed under: Politik, Rezensionen, Tom Schimmeck

Tom Schimmeck, einer der großen unter den gegenwärtigen deutschen Journalisten, rechnet mit den verkommenen Medien der Bundesrepublik ab.
Wow, möchte man sagen. Der Kerl weiß, wie man einen Text auflegt. Das Instrument der Ironie spielt er perfekt auf, und keiner findet so viele tolle Begriffe, um aktuelle Schlagworte aufs Korn zu nehmen. Tom Schimmeck ist wütend und angeekelt. Eine Menge Frust bricht durch in seinem Debüt, erschienen beim Westend Verlag. Mutig, wie der Schreiber für die Zeit, Süddeutschen und anderen Kernblättern der deutschen Presselandschaft mit allen Magazinen abrechnet. Und unterhaltsam zu lesen.
“Innovationsbesoffene Chefredakteure” hätten den deutschen Journalismus zum “Manchester-Journalismus” der “Contentakkordarbeiter” gemacht. “In der Informationsflut ersäuft der Überblick”. Alles dreht sich nur noch ums flotte Geld, der Inhalt geht flöten. Der Journalist von heute möchte Marke und Macher sein, ein Player im Berlin – doch er ist Opfer seiner eigenen Hybris, schreibt am Publikum vorbei und wurde zynisch. “Gutmensch” ist eine Beleidigung, zeitgemäß nur noch der “Erfolgsmensch”. Und die “Gesinnungskolchose … sät ihre Monokulturen aus”, “eine Verdummungsspirale” setzte ein, der Hedonismus hat gesiegt.
Tom Schimmeck kennt die Medien, er ist fleißiger Zeitungsleser und hat Gespräche mit vielen Medienmachern geführt.
Im Buch enthüllt er schonungslos: wie die Medien vor lauter Eitelkeit und Renditewahn die Inhalte vergessen. Wie eine neoliberale Ideologie eindringt und eine seit Hitlers Zeiten einzigartige Gleichschaltung bewirkt (der Staat ist langweilig und schnöde und kann nix, er muss kleiner werden, die Steuern müssen runter, der Leistungsbringer, der Erfolgsmensch soll endlich auf seine Kosten kommen und dem verwöhnten, verweichlichten, subventinierten Kranken, Alten, Dummen, Unfähigen, Behinderten das Frühstücksmüsli nehmen dürfen um es sich auf den Kaviar zu legen. Oh, wann werde endlich aus der Bundesrepublik eine große Industriehalle, in viel gearbeitet, dafür wenig bezahlt wird?) Und schließlich die Zermürbung von Hessens SPD-Frau Andrea Ypsilanti, die es wagte, sich von der Linkspartei dulden zu lassen, dafür von der gesamten Presse des Landes beschimpft, bespuckt und beleidigt wurde. Um Inhalte ging es lange nicht, allein um ein Zerrbild ihrer Person, wie eine Voodoopuppe aus Stereotypen zusammengebastelt und in die Öffentlichkeit geworfen. Wer das liest, möchte kotzen und wüten.
Schimmeck schreibt treffend über weitere Themen, in denen der Journalismus kriselt und krankt. Er trifft auf zynische und einsichtsvolle, auf gierige und leidende Kollegen. Schade ist nur, dass er das Buch vor dem Griechenland-Skandal und dem SPD-Desaster in NRW geschrieben hat. Diese Ereignisse bestätigen aber nur, was er schreibt; und wenn Schimmeck den Journalisten Reue, die Einsicht gar, gepatzt zu haben, entlockt, so bedeutet das nichts. Sie wissens, und machen weiter.
Schimmeck findet eine Menge gelungene Wörter, um die Wörter-Industrie zu bekämpfen. Allerdings ist diese im Kern banal und deswegen wirksam. Massenmedien erzeugen selten neues Wissen, sie bestätigen vorhandenes. Daher wird auch Schimmecks Buch nur jenen Gedankenfutter liefern, die ohnehin Zweifel haben. Die anderen, die sich in der schicken Chrom-Glitzer-Welt des Erfolgsmenschentum wohlfühlen, die sich an ihrer eigenen Leistung über andere Köpfe ziehen oder schlicht auf Banales, Brachiales und Boulevardeskes bis zum Erbrechen stehen, werden das Buch kaum lesen.


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