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In Israel, am Toten Meer, vor einem Ort, dessen überirdische Schönheit niemand vergisst. En Gedi, eine Oase, in der das Leben aus der toten Wüste herausbricht. Im Hostel steht die Luft, die Duschen haben kein kaltes Wasser mehr. Auch in der Nacht drücken 30 Grad, ich sitze vor einem Schachbrett, mir gegenüber ein norwegischer Traveller. Und damit meine ich keinen Larifari-Traveller, sondern einen echten Traveller, wie er einmal im LonelyPlante stand: Er hat in Ramallah mit Hamas-Kämpfern getanzt, in der Nacht eine märchenhafte britische Jüdin beglückt, er ist am Morgen ohne einen Schluck Wasser in flirrender Hitze durch En Gedi geklettert (mein Reiseführer empfiehlt, vier Liter mitzunehmen), und gerade knackt er mit einem unerwarteten Zug meine Defensive im rechten unteren Spielfeld. Sein Englisch ist rein wie das Wasser aus den Quellen von En Gedi, so dass ich mich für mein deutsches Bildungssystem schäme, das mir ein bröckelndes, unbeholfenes Englisch mit auf den Weg gegeben hat. Während er mich nun mit Links auf dem Schachbrett ins Schwitzen bringt, regt er sich über Dubai auf: Die Leute leben im Elend, und der Scheich verpulvert seine Erdölerlöse dafür, in seinem Meer Inseln aufzuschwemmen, die ein Abbild der gesamten Erdkarte abgeben. Norwegen hingegen habe seine Erdöleinnahmen so angelegt, dass jeder Norweger bis 2250 sozial- und krankenversichert sei. Nun schäme ich mich für unser deutsches Sozialsystem.

Ja, Herodot hätte es nicht anders gemacht. Der Pater Historia war der erste Traveller der Menschheit, er hat alle Länder der damals bekannten Welt bewandert, sich mit Völkern unterhalten, deren Sprache er nicht mächtig war, und seine Erfahrungen in einem Buch niedergeschrieben, das bis heute lesenswert ist und als Ursprung der Geschichtsschreibung gilt. Über Ägypten bemerkte er bewundernd, dass es kein anderes Volk gebe, das “mit so wenig Arbeit zu Gewinn” komme: “der Fluß steigt von selbst, bewässert das Feld und geht dann wieder zurück.” Die Natur hat den Ägyptern die Quelle für Wohlstand in die Wiege gelegt, wie man es heute allenfalls von erölfördernden Ländern wie Norwegen oder den arabischen Emiraten kennt.
Der besser König der Ägypter ist Rhampsinit, da wären sich Herodot wie auch mein norwegischer Traveller einig. Herodit notierte: “Bis zum König Rhampsinit, so sagen sie, herrschte in Ägypten Recht und Gesetz, und der Wohlstand in Ägypten war groß; nach ihm aber unter Cheops verkehrte sich alles zum Schlechten.” Denn Cheops, der Bauherr der Pyramide, war ein Macher mit einer Vision: Er schloss kurzerhand die Heiligtümer, schaffte die Feiertage ab und führte rigoros eine Rundum-Arbeitsbeschaffungsmaßnahme durch. So erreicht man Vollbeschäftigung.
Wie das für die Nubier aussah, jene armen Seelen, die die Steinblöcke aus den Bergen schnitten, schildert Diodorus: Es gebe niemanden, “der nicht beim Anblick dieser unglücklichen Menschen sie wegen des Übermaßes ihres Mißgeschicks bemitleidet; denn es gibt keinerlei Nachsicht oder Erleichterung für die Kranken oder Verstümmelten, für die Alten oder die Schwäche der Weiber, sondern alle werden mit Schlägen an die Arbeit getrieben, bis sie ausgemergelt in der Knechtschaft sterben. So halten die armen Teufel bei dem Übermaß ihrer Strafe die Zukunft für immer noch schlechter als die Gegenwart und sehnen sich nach dem Tod, der ihnen erwünschter dünkt als das Leben.”
Seinen Macher-Qualitäten zum Trotz: Cheops Intention dürfte nicht sehr zeitgemäß gewesen sein. Er wollte kaum sozial sein und Arbeit schaffen, und er wollte auch kein Konjunkturpaket zu schnüre, um das lahmliegende ägyptische Bruttosozialprodukt aufzublähen. Aller Wahrscheinlichkeit nach war es auch kein kollektives Bewusstsein, von dem Julian Jaynes annimmt, dass es die Ägypter mittels kollektiv vernehmbarer innerer Stimmen aufgefordert habe, Stein für Stein dem Gebirge zu entnehmen und zu einer Pyramide aufzuschichten. Man kann annehmen, dass die Pyramiden aus egoistischen, noch heute nachvollziehbaren Gründen errichtet wurden, in Cheops Person allerdings ins Wahnwitzige übersteigert: Die Angst vor der eigenen Vergänglichkeit.
Scheußlich ist nun lediglich, dass die Geschichte dem irren Cheops recht gibt. Wer kennt heute noch Rhampsinit? Und woran wird man sich wohl in 200 Jahren erinnern – an die Norweger, die dachten, sie seien auf Jahrhunderte sozialversichert, oder an die künstlichen Inseln vor Dubai?
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